Das Riesenpferd KAPITEL 1

Das Riesenpferd

Eine Geschichte über ein Pferd, das nicht in den Schrank passte.Und als das Eis schmolz und Pippi Langstrumpf mir meinen Mobilfunkvertrag kündigte, wusste ich, es war Zeit etwas Neues zu tun.

Nein, das ist keine Autobiographie. Und jeder Überzeugungsversuch, mich vom Gegenteil zu überzeugen, wird scheitern. Aber ja, es ist eine Story, die das Leben schrieb. Eine Geschichte, die mich dazu brachte, einen Eisbecher zu bestellen, ihn nicht aufzuessen, weil ich dachte, die Schokolade könnte mir den Genuss verhindern.

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Warum immer ich, dachte Letta und schwang sich auf ihr Pferd. Ihr war danach, sich jetzt die Seele aus dem Leib zu reiten und keinen klugen Gedanken mehr zu fassen. Im Wirrwarr der Gefühle nach einer solchen Situation wollte sie auf keinen Fall mehr hier bleiben und wollte einfach nur alles hinter sich lassen. Ihr Boss hatte ihr auferlegt, sich nun endlich im Zaum zu halten und ihre graphisch-kreativen Vorstellungen eines Marketing-Planes endlich fallen zu lassen, weil die Auftraggeber einfach solide Kunden und von hoher Bedeutung für die Firma seien. Diese  Niederschmetterung ihrer freien Kreativität wollte sie so eigentlich nicht stehen lassen. Aber sie hatte einfach so überhaupt keine Idee, wie sie dagegen halten konnte. Das Geld aus dem Job brauchte sie, weil sie einfach immer noch keinen Plan davon hatte, wie eine Alternative ausschauen konnte. Und ihre Freunde gaben ihr immer so coole Vorschläge, deren Umsetzung ganz definitiv irgendwo landeten, nur nicht da, wo sie eigentlich hingehörten: in die Zukunft und in einen gefüllten Geldbeutel.

Auf ihrem Riesenpferd, das Anton hieß, und das sich durch gar nichts erschrecken ließ, gleitete Letta über die Heide, als ob Anton wieder einmal die leidenschaftlichen Wut-Gefühle seiner Reiterin und Besitzerin erahnte und sie davon trug, als seien es seine eigenen Gefühle, die dadurch befreit wurden.

Während des Dahin-Gleitens und Reitens kamen Letta immer mehr die Gedanken und der reife Entschluss, nun etwas in ihrem Leben zu ändern.

Die Welt war groß und der Winter nahte. Und im Winter machte man nichts Neues, sondern blieb lieber hinterm Herd sitzen und erdachte neue Ideen für den Frühling, Sommer und den Herbst. Also war es im Prinzip nur eine Entscheidung, die sie während ihres Ausrittes neben Heidschnucken und Erika-Pflanzen zu treffen hatte: entweder sie sprang oder sie blieb. Also nicht vom Riesenpferd Anton, sondern aus ihrem Job.

Herr Heidenreich, die Gunst der Stunde ließ ihn auch noch so heißen, als ihr Chef verstand sie sowieso nie. Entweder er mäkelte an ihrer Arbeit herum, obwohl er es niemals besser konnte als sie selbst oder aber er kam in der Mittagspause in ihr Büro, um ungefragt und einfach so in ihre Semmel zu beißen, genüsslich zu kauen, und dann wieder mit fliegenden Sakko-Ärmeln und das auch noch grußlos zu entschwinden.

Doch sie hatte keine Energie.

Sie hatte einfach keine Energie. Und sie wusste nicht woher. Oder warum. Oder warum gerade immer sie.

Als Anton und sie beide endlich im Sonnenuntergang endlich im Totengrund ankamen, in dem das Heidekraut gerade in voller Pracht blühte, und den mit Wacholder übersäten Talkessel voller Farbe und Fülle, wusste sie auf einmal, dass es vorbei war. Die Zeit der Dürre und die Zeit des Wartens auf etwas, das ohne ihr Zutun niemals eintreten würde: ihr eigenes Glück und all das, was sie sich einfach bisher nur nie vorstellen konnte.

Sie ließ Anton nun traben, gab ihm eine gewisse Richtung zurück nachhause vor und ließ fortan ihre Gedanken schweifen. Sie ärgerte sich auf einmal nicht mehr, da sie einfach nur noch sicher war in dem, was vor ihr lag. Einerseits der Heimweg nachhause gemeinsam mit Anton, andererseits der Weg ins Ungewisse, das ihr nun keine Angst mehr machte.

Sie wusste nur, dass sie keinen Herrn Heidenreich mehr in ihrem eigenen Reich ertragen, erdulden und aushalten können wollte, der in ihrer Mittagspause ihr belegtes Brötchen aufaß, ohne zu fragen, und der dann auch noch ständig an ihr herummäkelte und sie selbst auch noch dachte, er habe recht. Das war nun vorbei. Denn weder hatte er recht noch war sie bereit, mit einem solchen Typen ihr Belegtes-Mittags-Brötchen zu teilen.

Sie war 36 Jahre alt, jung und zugleich alt genug, um ihrem Leben nochmals einen neuen Schliff zu verschaffen.

Als Anton in der mittlerweile abgedunkelten Heidelandschaft seinen Stall erkannte, trabte er ohne Befehl etwas schneller und zeigte durch ein Wiehern an, dass er froh war, wieder zuhause zu sein. Der Ausritt heute war besonders energiegeladen und intensiv. Das brauchte er nicht alle Tage. Doch hier im Stall war sein gewohnter Platz und sein Futter stand schon da. Am nächsten Morgen wollte er unbedingt die Sonnenstrahlen auf den grün überfluteten Blättern vor seiner Stalltüre sehen und deshalb heute früh schlafen gehen. Letta verabschiedete sich deshalb schnell von ihm, da sie seine Gedanken erkannte und ihn nicht davon abhalten wollte. Sie und er waren treue Weggefährten und das seit langer Zeit. Sie kannten sich und vieles geschah, ohne dass es einer Erklärung bedurfte.

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Ihre Freude war das Kochen. Wenn sie es nicht musste, sondern ausschließlich allein zu ihrer Freude tun konnte. Auch schon deshalb ein Grund, warum sie es eigentlich nicht leiden konnte, in ihrer Mittagspause mangels Kantine immer nur ein belegtes Brötchen zu essen. Weit und breit kein Restaurant oder eine Kantine oder eine Teeküche. Aber sie liebte es, ihre Energie zu unterstützen mit einem warmen Mittagessen, am liebsten selbstgekocht. Doch es war immer und jeden Tag das gleiche: sie hatte entweder ein wunderbar lecker belegtes Brötchen dabei oder aber sie kaufte bei dem Bäcker um die Ecke bei der Frau mit dem großen Busen ein belegtes Brötchen. Einmal war es ein Lachs-Brötchen oder ein anderes Mal ein Käse-Brötchen. Immer aber war es zusätzlich belegt entweder mit Rucola oder mit Radieschen. Eben je nach Jahreszeit. Das Fatale an der Geschichte aber war, dass jeden Mittag Herr Heidenreich in ihr Büro kam, und ungefragt in ihr Brötchen biss und sie nur hemdsärmlig darauf reagierte – sie traute sich weder ihm eine reinzuhauen noch ihm klar und deutlich in Worten zu sagen, dass das, was er gerade tat, einfach nur unverschämt und grenzenlos maßlos und im eigentlichen Sinne hirnbrandig war.

Die Vorstellung, sich von all dem nun zu befreien, ließ sie an diesem Abend in ihr Bett sinken. Und das Gute war, dass sie immer sofort in einen tiefen Schlaf sank und auch noch schöne Träume hatte. Sie war wie eine Blume so schön und natürlich und versank einfach in einen Schlaf der Nacht. Und das Tag für Tag und ohne jegliche Nachhilfe. Sie freute sich jeden Abend darauf auf diesen schönen, tiefen Schlaf und konnte sich gar nicht vorstellen, dass es überhaupt Menschen gab, die gar nicht schlafen konnten. Sie legte sich einfach nur hin und entflog. Und das war jeden Tag ihre Rettung. Andere Freundinnen von ihr gingen in alle möglichen Kurse, die die Heidelandschaft eben so hergab. Entweder sie machten Meditation für Anfänger oder Beten fürs Ungewisse. Oder sie gingen ins Kinder-Teilzeit-Schwimmen oder ins Affirmieren-fürs-nächste Leben.

All das zog sie niemals in Erwägung, denn sie hatte ja ihr Bett. Und diesen tiefen Schlaf, der sie jeden Morgen aufwachen ließ, als sei gestern nicht gewesen.

Sie verstand dann auch immer nie, warum sich manche Menschen Sorgen um ihre Zukunft und übers Morgen machten, denn es gab ja die Nacht. Die Nacht, die Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit zugleich verbannte. Und damit einfach sorglos machte. Doch andere zählten Schäfchen, während sie nicht einmal wusste, wie sie am letzten Abend einschlief. Vielleicht aber war das genau der Grund, warum Herr Heidenreich meinte, einfach unverschämt ihr belegtes Brötchen wegessen zu  können. Nein, falsch. Nicht wegessen zu können, sondern einfach hineinzubeißen, ach ja, und das wirklich ungefragt, und den Rest stehen zu lassen. Logisch, dass das Nachbeißen in das angebissene Brötchen dann auch nicht mehr wirklich Spaß machen konnte. Allein die Vorstellung, dass dieser Mensch es irgendwie auch noch lustig fand, dies zu tun, machte ja schon keinen Appetit mehr auf etwas wirklich Leckeres. Es machte eher einen bitteren Nebengeschmack im Mund, das so gar keine Lust mehr auf Lachs-Brötchen oder Käse-Brötchen machte.

Aber Letta war klug. Sie kannte sich nun auch schon einige Jahre selbst und wusste, dass sie es mit diesem Chef in diesem Leben nicht hinkriegen würde. Also verließ sie sich auf ihre Geschmacks-Knospen und kaufte sich jeden Tag ein  zusätzlich belegtes Brötchen einer anderen Geschmacksrichtung. Sie legte also immer ein Brötchen auf ihren Arbeitstisch, das sie heute eigentlich ohnehin nicht ganz so prickelnd fand. Und das andere hatte sie in ihrer Schublade. Sie wusste sehr wohl, dass dies ein irgendwie billiger Trick sich selbst gegenüber war. Doch wusste sie auch, dass sie nur so eine Chance hatte. Herr Heidenreich würde auf gar keinen Fall von ihr ablassen. Und aktuell brauchte sie das Geld jeden Monat, das aus diesem Job floss. Sie dachte an all die Mädchen und Frauen, die jeden Tag ihre Beine breit machten, um Geld zu verdienen. Und da dachte sie, da seien doch Lachs-Brötchen der geringere Schmerz.