Das Riesenpferd KAPITEL 2

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Irgendwie war heute etwas anders. Und irgendwas war merkwürdiger als sonst. Letta stand auf nach einer ihrer gewöhnlich unbedenklichen Nächte und hatte aber das Gefühl, dass sich etwas verändert hatte. Sie schaute nach draußen auf den Hof mit dem Stall, in dem Anton stand und die Hühner nebendran gackerten. Und sie erinnerte sich an die Stimmung von gestern im Totengrund, wo sie auf einmal wusste, dass sie es nun schaffen würde. Sie würde zu Herrn Heidenreich sagen, wenn er ins heute mit Pepperoni-Käse belegte Brötchen biss, dass sie in Zukunft auf die Zusammenarbeit mit ihm verzichten würde. Und dass er definitiv zukünftig nie mehr in ihre belegten Brötchen, ungefragt und einfach so, beißen würde. Die Zeit des Herrschaftsanspruchs waren ein für alle Male vorbei.

Sie überlegte sich, ob sie sich auf eine Diskussion mit ihm einlassen wollte, entschied sich aber ganz klar dagegen. Jede Diskussion, jedes Wort, jeder Satz und jeder Biss in ein belegtes Brötchen von ihr würde vertane Zeit und ein weiterer Herrschaftsanspruch seinerseits über ihr Terrain bedeuten. Doch ihr Terrain war ihr persönlicher Garten, den sie zukünftig nur noch ohne Herrn Heidenreich bepflanzen wollte. Zumal er ja ohnehin nur an ihrer Bepflanzung zu kritisieren hatte und das dann auch noch in einem Stil, der jedes Mal zu seinem schwarzen Anzug, seiner schwarzen Krawatte und seinen schwarzen Schuhen passte. Und seinem Redeschwall in einem Ton, einer Form und einer Tonart, die den juristischen Hintergrund mit höheren Weihen und dem entsprechenden Anspruch, dass das auch jeder merken sollte, woher seine Ausbildung stammte, deutlich zum Anschwellen brachte.

Heute war also der Tag, der ihr Leben verändern würde. Oder zumindest die nächsten Tage ihres Lebens. Denn das Leben war ein langer Fluss, in den die paar Tage ihres Lebens ja schon gar nicht hineinpassten, wenn man sie zählen wollte.

Sie ging also aus dem Haus, bürstete zuvor den Anton und danach nochmals ihre Haare, nachdem sie sich zuvor dann auch noch duschte. Und nachdem sie mit all den Ablenkmanövern es dann doch aus dem Haus geschafft hatte, fiel ihr ein, dass Anton noch nicht genug Hafer in seinem Korb hatte. Egal. Sie würde sich früher freinehmen und Überstunden abfeiern heute. Nachdem sie es Herrn Heidenreich gesagt hatte. Und nachdem sie ein neues Leben begann.

Aber heute war Donnerstag. Und Donnerstag war der lange Service-Donnerstag, wo alle Kunden länger bedient werden konnten und gemeinsam die Kreativ-Projekte besprechen werden konnten ohne zuvor fest vereinbarten Termin. Mist. Also doch zurück zu Anton, denn der würde es ihr nicht so leicht verzeihen ohne genug Hafer bis zum Abend hin.

Sie goss sich eine Tasse Kaffee ein und überlegte dieses Mal, ob es zwei oder drei Stückchen Zucker sein sollten. Irgendetwas in ihr verlangte nach Süßem, obwohl das normalerweise gar nicht ihr Ding war. Sie entschied sich für drei. Langsam und in Gedanken rührte sie mit dem schönsten Silberlöffel, den sie von ihrer Großmutter vererbt bekommen hatte, den Kaffee mit dem Zucker um. Anton war versorgt, jedoch blickte er sie heute irgendwie weder vorwurfsvoll noch leidenschaftlich an. Eher besorgt. Komisch, dass diese Pferde immer alles merken müssen. Sie trank langsamer als sonst den Kaffee. Und dabei fiel ihr auf, dass sie ja kurz zuvor schon zum Frühstück einen Kaffee getrunken hatte. Nur weil sie nochmals zurückkam, um Anton zu versorgen, hatte sie sich nochmals einen Kaffee aufgestellt. Dort war noch Geschirr am Spülbecken, das in die Spülmaschine hätte eingeräumt gehört und die Fenster gehörten seit längerem auch geputzt.

Sie würde nun aber endlich gehen. Denn der Entschluss war gefasst und jetzt half auch kein Fensterputzen mehr, um sie davon abzuhalten.

Herr Heidenreich war nicht in seinem Büro. Wahrscheinlich war er bei einem Kollegen oder einer Kollegin bei einer seiner Lieblings-Beschäftigungen: entweder in ein belegtes Brötchen beißen oder stapelweise Kreativ-Pläne durchstreichen mit Riesen-Lettern und extra großen Strichen zum Durchstreichen. Dann die Unterschrift darunter. Bis heute verstand sie nicht, was diesen noch so jungen Mann um die dreißig mit einem Abschluss des Jura-Studiums mit Note Eins Komma Null dazu trieb, sich wie ein übergroßer Elefant im Porzellanladen zu benehmen.

Sie ging in ihr Büro, um abzuwarten. Bis die nächste Gelegenheit sich ergab, ihre Kündigung zu überreichen. Gestern Abend, bevor sie in ihren wertvollen Schlaf fiel, hatte sie noch ausführlich  an ihrer Kündigung gefeilt. Sie hatte mit Worten gespielt, Varianten versucht, von vorne nach hinten die Satzstellungen verdreht, bis sie endlich zufrieden war. Was sie nicht sagte, war die Wahrheit. Diese hätte sie in Bedrängnis gebracht und sie hätte vor dem Ausschuss des Vorstandes, dem die Kündigung zusätzlich überreicht werden musste, womöglich Rede und Antwort stehen müssen. Sie hatte sich eine plausible und auch passende Begründung zurechtgelegt, um einfach diesen Job nicht mehr machen zu müssen. Eigentlich hätte sie ja gar nichts sagen müssen.

Aber irgendwie wusste sie und spürte, dass es nicht so einfach sein würde nur mit einem schlichten Kündigungs-Satz und einem angehängten Mit-Freundlichen-Grüßen-Satz als Ende. Sozusagen ein Zwei-Zeiler. Nein, da musste ihr schon etwas Besseres einfallen, mit dem sie sich dennoch ehrlich fühlte, denn Lügen lag ihr nicht. Aber in diesem Fall die Wahrheit zu sagen, würde ihr einen mittlerweile ohnehin ungeliebten Job und superkomischen Chef ja nicht schönbügeln oder weichspülen. Die rosarote Brille hatte sie nun lange genug auf und nun wollte sie gar keine Brille mehr aufhaben, sondern superklar sehen. Die Wahrheit anzubringen hätte ihr eine unnötige Konfrontation gebracht.

Herr Heidenreich hat mir ständig meine belegten Brötchen weggegessen. Herr Heidenreich hat mich außerdem nie um Erlaubnis gefragt. Herr Heidenreich hat mir fast alle meine Kreativ-Entwürfe durchgestrichen, übermalt und dann auch noch seine Unterschrift darunter gesetzt: in Riesen-Lettern. Und ich habe mich nicht getraut, mich zu wehren.

Nein, diese Begründung konnte einfach nicht sein. Da machte sie sich ja wirklich lächerlich. Da schrieb sie lieber eine weniger lächerliche Begründung. Und auch die war noch lächerlich genug. Da es ihr generell vollkommen egal war, ob sie sich lächerlich machte oder nicht und ihr dafür immer viel wichtiger war, ein schönes und gutes Leben zu haben, entschied sie sich nun also gestern Abend für die Formulierung einer weniger lächerlichen Begründung ihrer Kündigung. Zunächst dachte sie, sie könne heute Nacht vielleicht zum ersten Mal seit langem nicht gut schlafen. Aber sie fiel wie jeden Abend in einen wunderbaren Schlaf und fühlte sofort ihre weichen Kissen, die ihre Wangen und ihren Schmollmund umgaben und einschliefen lassen wie ein makellos-weißes Einhorn.

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Die einzige Überlegung jetzt war, ob sie warten wollte, bis Herr Heidenreich wieder in ihr Büro während der Mittagszeit kam, oder ob sie zuvor es nochmals direkt bei ihm an seiner Assistentin vorbei probieren sollte. Sie entschied sich für Letzteres. Vorbei an Frau Pfau saß Herr Heidenreich an seinem Schreibtisch, der überfüllt war von wohlgeordneten Stapeln voller Aktenmappen, die mit Kreativ-Projekten jedweder Art gefüllt waren. In seinem strammen und schnellen Gang, den er regelmäßig nutzte, um seine Wichtigkeit nochmals etwas mehr zu untermauern, kam er auf sie zu. „Letta, kommen Sie doch rein“, sagte er zu ihr und ihr fiel auf, dass er das erste Mal sie bei ihrem Vornamen nannte und dabei einen höflich-freundlichen Ton anschlug. Aber sie fiel nicht darauf herein. Diese Art von Freundlichkeit kannte sie schon von anderen Leuten und sie wusste, sie war gespielt. Und im übrigen, was fiel dem Typen eigentlich ein, sie bei ihrem Vornamen zu nennen. „Für Sie immer noch Frau Carter, bitte“, entgegnete sie in einer ihm gegenüber ansonsten unüblichen Entschiedenheit. „Und bitte lassen Sie mich gleich zur Sache kommen – ich kündige,“ machte sie es überraschenderweise ganz kurz und dabei überreichte sie ihm ihr Kündigungsschreiben. „Mir hat es in letzter Zeit keinen Spaß mehr gemacht und jetzt will ich einfach etwas anderes machen“, setzte sie noch hinzu und lächelte etwas milde ein Lächeln hinterher, das sie nur kannte, wenn sie wirklich ganz entspannt war. Womöglich war sie bereits in ihrem abgeschalteten Modus. So nannte sie immer ihre Gefühlslage, wenn sie von etwas Abschied genommen hatte und das Loslassen bereits stattgefunden hatte. Sie verglich diesen Gefühlsausdruck mit dem Knopf an der Fernbedienung ihres CD-Players, auf dem „Abschalten“ stand anstatt der ansonsten immer so üblichen AN-AUS-Bezeichnungen.

Also war sie in ihrem Abschaltmodus bereits weiter vorangeschritten, als sie es selbst schon vermutet hatte.

„Wie können Sie kündigen, wenn wir gerade an einem Riesen-Projekt arbeiten“, fragte Herr Heidenreich in einem stoisch-gefassten Gesichtsausdruck und einem Modus, der Böses versprach. „Wie können….“ und daraufhin unterbrach Letta ihn und sagte auf einmal wie aus der Pistole geschossen, „weil ich das kann so wie ich das will und nun auf Wiedersehen“, woraufhin sie das Büro verließ in einer ungewohnt energischen Gangart, die Entschiedenheit versprach.

Sie hatte ihm das Kündigungsschreiben in die Hand gedrückt wie wenn jemand eine Currywurst mit Pommes Frites bestellt hatte und nun die Ware in Empfang nahm. Das Duplikat, das für den Ausschuss des Vorstandes bestimmt war, legte sie im Postausgang der Poststelle ins entsprechend dafür vorgesehene Fach und ging zurück ins Büro. Sie hatte ein richtig gutes Gefühl und wusste, dass es die einzig richtige Entscheidung war. Durch ihren Resturlaub konnte sie zusammen mit ihren Überstunden fast die gesamte Zeit, die bis zu ihrem Austritt aus dem Unternehmen noch zu arbeiten wäre, in Freiheit umbuchen und daher waren es noch drei Tage, die sie im Unternehmen zu arbeiten hatte. Und diese drei Tage würde sie gerne noch arbeiten. Vor einer Konfrontation mit Herrn Heidenreich hatte sie auf einmal keine Scheu mehr. Er sollte doch einfach kommen. Sie hätte dann auch noch eine besondere Leckerei für das belegte Brötchen ausgedacht, sodass er vielleicht für alle Tage seines Lebens nicht mehr in fremde belegte Brötchen beißen würde.

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Sie war nun auf dem Weg. Sie wusste, sie hatte etwas Geld gespart, das ihr reichen würde, um sich neu zu orientieren und zu sehen, was sie machen wolle. Auf ihrem Weg mit dabei war Anton, ihr kluges Pferd. Es war ein besonderes Pferd, das ungewöhnlich stark mit ihr verbunden war und jede Gefühlsregung wahrnahm. Manchmal meinte sie, es sei ein Zauberpferd, denn manchmal, wenn sie in den Stall kam, war es so ungewöhnlich still und wie wenn magische Kreise um ihr Pferd herum wären, waren hier nie wie sonst üblich viele Fliegen. Sie dachte sich nie etwas dabei. Denn sie liebte Anton und er war wie ein Teil von ihr. Er war ein Percheron-Pferd und diese galten als besonders zuverlässig. Aber nie hatte sie davon gehört, dass sie auch etwas Magisches und besonders Feinsinniges an sich haben. Sie jedenfalls davon überzeugt, dass es mit diesem Pferd irgendetwas Besonderes auf sich hatte.

Die letzten Tage waren dann doch noch anstrengend gewesen, weil Herr Heidenreich sich öfters als gewohnt in ihr Büro begab und das in einer ausgesprochen übertriebenen Freundlichkeit, die fast peinlich war. Sie selbst war ausgesprochen ruhig und gelassen. Sie sprach mit ihm das, was nötig war und weil es ums Geschäftliche ging und die letzten Teile ihrer Arbeit am Kreativ-Projekt, wollte sie ihren Part gut abschließen, um dann auch gut von ihren Kollegen Abschied nehmen zu können. Sie mochte Abschiede, die gut abliefen. Mit etwas Wehmut, mit etwas Freude, mit gutem Gefühl den Kollegen gegenüber und einer kleinen Feier. Den Cidre, den sie so mochte und ein paar Canapés, die sie bei ihr großbrüstigen Bäckerin bestellt und in der Mittagspause abgeholt hatte, hatte sie in einer fröhlichen Stunde nach Feierabend an ihrem letzten Arbeitstag mit den Kollegen großzügig verteilt und genossen.

Nun war sie also mit Anton auf dem Weg in die große, weite Welt. Sie hatte ihrer Vermieterin den Schlüssel überlassen, um ab und zu nach den Blumen und nach der Post zu schauen, und hatte sich auf den Weg gemacht. Sie wollte nach Frankreich, weil sie dort mit ihrem Pferd sehr gut jenseits der großen Straßen über Land ziehen konnte, ohne große Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und einfach nur ihrem Gespür zu folgen und den Weg zu finden, der zu ihr und Anton passte.

In ihrer Tasche hatte sie einige wichtige Dinge, die sie unbedingt brauchte und für diese Reise hatte sie keinerlei technisches Gerät dabei. Außer ein paar Kleidungsstücken, die insbesondere für schlechtes Wetter und Regen geeignet waren, hatte sie noch genügend Bargeld, ihren Reisepass, mehrere Wanderkarten und entsprechend Landkarten für unterschiedlichste Routen. Zusätzlich hatte sie sich für einen ausführlichen Reiseführer für Frankreich, Spanien und Portugal entschieden für den Fall, dass sie länger bleiben würde und sie ihre Reise ausdehnen sollte. Da sie bewusst auf eine größere technische Ausstattung verzichtete, wollte sie aber zumindest noch ihren Kompass mitnehmen, den sie aus ihrer Jugend gewohnt war, zu benutzen. Sie hatte sich das neueste Exemplar, das sie finden konnte, zugelegt und war richtig stolz, nun Besitzerin eines richtig guten Orientierungs-Werkzeuges zu sein.

Da Anton ein Percheron-Pferd war und es als junges Pferd gewohnt gewesen war, für einen Waldbauern zu arbeiten, bevor sie es diesem abkaufte, hatte sich Letta vorgenommen, ihn in Frankreich einen Wagon ziehen zu lassen, in dem sie wohnen konnte. Einen dieser wunderbar kleinen, bunten Holzwagons, die innen drin alles Notwendige hatten, was man zum Leben brauchte. Und sogar für kalte Tage einen kleinen Holzofen, den man anheizen konnte, wenn es zu ungemütlich draußen wurde. Das wollte sie mit ihm ausprobieren. Denn sie wusste, dass sie beide eine Unterkunft auf ihrer ungewöhnlichen Reise benötigten. Und das jeden Abend. Da wäre es womöglich etwas einfacher, wenn sie selbst in einem Wagon übernachten könnte und für Anton jeden Abend in einem der in zahlreichen Reiseführern angebotenen Wanderunterkünfte einen Stallplatz besorgte und daneben den Wagon abstellte. Sie war voller Tatendrang und Zuversicht und wusste, alles würde gut gehen.

Nun waren sie unterwegs. Niemand war um sie herum. Und das war gut so. Sie konnten beide miteinander in Einklang kommen, miteinander vor sich hin trotten und dem entgegensehen, was nun vor ihnen lag.

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Als sie im Elsaß angekommen waren, regnete es und beide, Anton und Letta, waren etwas mürrisch. Die Fahrt bisher war etwas anstrengend gewesen, da es nicht so viele gute Wege ohne Autos gab. Selbst für einen Kaltblüter wie Anton war es nicht immer einfach, den schnell an einem vorbeifahrenden Autos genügend gut ausweichen zu können.