Die Schulung der Wahrnehmung

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Wer viel fotografiert, schult und trainiert seine visuelle Wahrnehmung. Diese Wahrnehmung wird zukünftig deshalb wichtiger, weil wir nicht nur vor allem täglich mehrere tausend Bilder empfangen, sondern weil wir über Bilder ganz stark unbewusst und bewusst beeinflusst werden. Dies wird ein großer Teil zukünftigen Risikomanagements sein – den Umgang mit Bildern zu lernen. Wenn wir Bilder über digitale Medien anschauen, kommt es darauf an, was die Produzenten der Webseite, des Werbefilms oder der App oder welchem Produkt auch immer damit bewirken will. Jedenfalls werden wir immer getriggert dabei, um das Ziel desjenigen, der Produzent des Produktes ist, zu erfüllen. Oder selbst wenn es kein Ziel gibt: alles, was wir sehen, beeinflusst uns. Auch die Zeilen, die ich schreibe, auch die Fotos, die hier gezeigt werden. Einfluss ist ja gar nichts Schlechtes – schlecht ist nur der Umgang damit oder wenn wir nicht verstehen, wie Einfluss geschieht oder was Einfluss mit uns macht.

Warum ist das so? Wir nehmen über das Auge wahr, was wir sehen. Wenn das Bild des jungen Mannes sympathisch ist, dann schauen wir gleich schon einmal näher hin. Wenn das Bild Gemütlichkeit und Behaglichkeit ausstrahlt, dann fühlen wir uns gleich automatisch wohler und behaglich. So könnte ich jetzt tausende von unterschiedlichen sogenannten Triggern beschreiben, die hier auf uns einwirken, ohne dass wir es merken.

Die Schulung der Wahrnehmung, insbesondere der visuellen Wahrnehmung, ist daher eine der wesentlichen Übungen der Zukunft. Zumindest sehe ich das so. Alles was mit Schulung zu tun hat, sollte immer alltagstauglich machbar sein, damit man es auch tatsächlich anwendet und nicht vergisst. Denn Lernen findet nur statt durch Wiederholung. Dadurch werden wir besser und vertiefen bereits Gelerntes noch einmal zusätzlich.

Die Schulung der Wahrnehmung können wir am besten selbst beginnen zu trainieren, indem wir unser Smartphone oder einen Fotoapparat nutzen und ganz bewusst fotografieren. Also nicht mal so schnell nebenbei und oberflächlich. Sondern ganz bewusst mit ein paar gezielten Schritten.

  1. Welches Objekt oder welchen Menschen möchtest Du heute fotografieren, um zu üben? (Wichtig bei Menschen: um Erlaubnis fragen und dann aber auch nicht veröffentlichen, sondern die Privatsphäre achten)
  2. Was siehst Du im ersten Blick?
  3. Was siehst Du im zweiten Blick? Ja genau, das ist bewusst so gefragt.
  4. Was siehst Du im dritten Blick usw.?
  5. Was fühlst Du beim Anschauen und Betrachten?
  6. Wie verändert sich Dein Gefühl beim Betrachten? Verändert sich überhaupt etwas?
  7. Wechsle nun die Perspektive, das heißt: wechsle nun Deinen Standort, von dem aus Du betrachtest – was verändert sich nun beim Anblick hinsichtlich des Bildes selbst, Deines Gefühls beim Betrachten? Bitte bemerke das ganz genau.
  8. Wechsle nun nochmals die Perspektive, indem Du das etwas intensiver betreibst, z.B. von ganz weit weg oder ganz nah dran. Stell Dir dann die Fragen nochmals: was siehst Du nun, was siehst Du im zweiten Blick, im dritten Blick, wie verändert sich Dein Gefühl?

Dies ist nun eine ganz einfache Übung für Wahrnehmung. Sie wird Deine Aufmerksamkeit gezielter schulen helfen, weil Du Dir die Schritte mit der Zeit verinnerlichst. Mit zusätzlicher Übung fallen Dir dann noch weitere Fragen oder eigene Ideen, wie Du Dich in der Wahrnehmung besser trainieren kannst, ein.

Der Vorteil einer solchen Übung ist: die vielen Bilder via Smartphones und Fernsehen sind definitiv zu viel. Das nutzen all diejenigen, die etwas mit Dir im Sinn haben: entweder etwas zu verkaufen, oder Dich in etwas hineinzuziehen, ohne dass Du es sofort merkst, Dir grün für blau vormachen und so weiter und so fort. Das hört sich jetzt vielleicht etwas krass an. Fakt aber ist, dass wir bei Zuviel oftmals nicht merken, wie wir angetriggert werden. Selbst ohne Zuviel aber wirken Bilder. Indem Du Deine Wahrnehmung trainierst und schulst, wirst Du geübter im Perspektivenwechsel. Du reagierst und bewertest also nicht mehr nur unbewusst, sondern auch ganz bewusst, weil Du Dir Fragen stellst aufgrund unterschiedlicher Perspektiven, die Du einnimmst. Probiere das mal. Du wirst nach einiger Zeit merken, dass Du bewusster im Umgang mit Bildern wirst. Und somit mit Informationen, die Dir zunächst vielleicht nicht gleich auffielen.


Bildnachweis: Fotos Sabine Hauswirth

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