Entwicklung als Weg

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Sich auf den Weg zu machen, bedeutet, sich auf Entwicklung einzulassen. Das beginnt immer mit einem ersten Schritt, dann mit einem zweiten und einem dritten. Und manchmal auch wieder einen Schritt zurück oder an einer Wegegabelung noch einmal umkehren, weil man sich geirrt oder sich den Weg etwas anders vorgestellt hat.  Und es beginnt immer mit  Herausfinden und Ausprobieren und Losgehen.

Doch der Weg ist, egal wie er verläuft, Entwicklung schlechthin. Wer stehen bleibt, gibt seine Chance auf Entwicklung auf. Dies gilt gleichermaßen für Unternehmen und Einzelpersonen. Und Entwicklung ist Evolution schlechthin. Die Natur stand noch nie still und sie tat vor allem immer eines: sie passte sich an Veränderungen an.

Wege im heutigen Zeitalter immer schneller Veränderungen sind für mich deshalb zunehmend auch Wege der Anpassung im natürlichen Sinn. Nicht im zwanghaften Angepassten, sondern im Sinne von Flexibilität, die aus sich selbst heraus entsteht.


So wie ich das sehe, werden wir allerdings Veränderung ohne entsprechende Lebens- und Unternehmensgestaltung nur dann sinnvoll mitmachen ohne größere Blessuren, wenn wir unsere Flexibilität trainieren, unsere Gesundheit hegen und pflegen und unsere Lebensstile entsprechend anpassen. Dies wird früh beginnen müssen, schon im Kindesalter, später in der Schule und dann in den Unternehmen. Dort, wo die ersten Trainings für körperliche und geistige Gesundheit verpasst wurden, müssen zunehmend Unternehmen diese Rolle übernehmen.

Flexibilität, darüber habe ich schon vielfach geschrieben, entsteht durch vernetztes Denken. Also in unserem Gehirn. Man nennt dies auch selbstregulierte neuronale Plastizität, was nichts anderes bedeutet, als aus einem selbst heraus entstandene und nicht durch Manipulation oder Druck von Außen.

Wer damit beginnt, unterschiedliche Bereiche zu bearbeiten, und das kann und sollte vollkommen alltagstauglich geschehen, wird sich selbst immer mehr in seiner eigenen Flexibilität trainieren. Dass wir heute zusätzlich Bewegung, eine gesunde Ernährung und auch ab einem bestimmten Alter Nahrungsergänzung benötigen, um unsere geistige und körperliche Fitness zu erhalten und zu stärken, ist mittlerweile längst bekannt.

Doch wie beginnen wir den Weg – wie finden wir heraus, was uns gefällt und was wir zu unserer eigenen Fitness beitragen können?

Ganz einfach: wir probieren aus und dann sieben wir aus. Aus der Vielfalt heraus zur Reduktion, ohne auf die Vielfalt zu verzichten. Was heißt das genau? Wir probieren beispielsweise Kochen aus oder Malen oder Fotografieren oder Laufen oder was auch immer. Dies tun wir regelmäßig, um erst einmal über einen gewissen Zeitraum hinweg zu sehen, was zu uns passt. Gefällt, Gefällt nicht – das ist nicht nur seit Facebook ein System, das ganz automatisch in unserem Gehirn abläuft. Dabei immer wieder sinnvolle Pausen zwischendurch machen. Im übrigen sollte genau das auch in Unternehmen eingeführt werden, weil das eine höhere Motivation und auch Selbstwirksamkeit bei Mitarbeitern erzielt. Klar ist, dass dies nur in Unternehmen gemacht wird, die Mitarbeiter schätzen.

Als Methode habe ich das Ausprobieren und Trainieren von Ressourcen und Potenzialen folgendermaßen entwickelt und graphisch dargestellt.


Wir wissen aus der Hirnforschung, dass körperliche Aktivität im Hippocampus (Teil unseres Gehirns) zur Neubildung von Nervenzellen führt. Mit den Neuronen werden neue Gedächtnisinhalte gespeichert. Bewegung ist daher ein zusätzlicher wichtiger Bestandteil zur Bildung von Gedächtnis und Steigerung von Gehirnleistung. Das Interessante dabei ist, dass aus beanspruchter Muskulatur sogar bestimmte Proteine ins Gehirn wandern, die Nervenzellen stärken und den Geist schneller arbeiten lassen. Wenn wir also regelmäßig trainieren, wird nicht nur unsere Muskulatur vergrößert, sondern auch das Volumen einiger Gehirnareale. Nicht nur Proteine, sondern auch die Menge der Neurotransmitter wie beispielsweise Serotonin steigen an. Bewegung und Sport ermöglichen außerdem erholsame Denkpausen, also Erfrischung des in unserer Gesellschaft ständig eingesetzten Verstandes. Dadurch dass Sport die elektrische Aktivität in einem Teil der Hirnrinde, dem sogenannten präfrontalen Kortex verringert, ist die anschließende Aufnahmefähigkeit des Gehirns größer als zuvor.

Auch der Tastsinn, also wenn wir etwas anfassen und dadurch be-greifen, liefert uns die ersten Sinneseindrücke bereits lange vor der Geburt. Und durch unser Sinnesorgan Haut, unserem größten Sinnesorgan, werden unzählige Rezeptoren zugeordnet, die in den Kortex (die äußere Schicht des Großhirns, das reich an Neuronen ist), gelangen. Auch durch Tasten und Be-Greifen lernen wir. Was für viele von uns gar nicht mehr fassbar ist, ist Berührung. Über den Tastsinn werden tatsächlich viele verschiedene Wahrnehmungen wie Druck, Schmerz oder Vibrationsempfinden umfasst. Viele Forscher sprechen deshalb von einem ganzen Tastsinnessystem aus. Grob erklärt handelt es sich bei dem Tastsinn um das Abliefern von Sinneseindrücken über unsere Haut an das Gehirn und die dort anschließende Empfindung und Bewertung. Die Sinne zu nutzen, macht vernetzt, achtsamer und vielfältiger. In Unternehmen Voraussetzung für Innovation und Innovationskultur. Sicherlich eine Herausforderung in heutigen Zeiten.

Es kommt also auf die Art der Berührung darauf an, wie unterschiedliche Rezeptoren aktiviert werden, und von dort dann weitergeleitet werden an das Rückenmark. Das Interessante ist, dass sich über verschiedene Bahnen des sogenannten verlängerten Rückenmarks sich die Leitungen der linken und rechten Körperhälfte daraufhin kreuzen. Und dann anschließend gelangen über eine weitere Verschaltung Signale in den Kortex. Und von dort werden über verschiedene Areale die Information und der Emotionsgehalt der Berührung, die ursprünglich von der Haut als Signal gesandt wurde, bewertet als Empfindung. Diese Art von Lernen ist notwendig, wenn es um unser adaptiv Unbewusstes geht und wenn es um das Verändern und Verstärken unserer neuronalen Netzwerke geht. Wir lernen also ganzheitlich, wenn wir nicht nur stupide (Verstandes-) Inhalte auswendig lernen, sondern auch begreifbare und körper-wahrnehmbare Inhalte aufnehmen. Dieses Lernen über den Körper ist in der heutigen Zeit nicht nur wichtig, um ein gesundes Körper-Selbstbild zu entwickeln, wie es zum Beispiel vielen Frauen mit Essstörungen fehlt, sondern taktile Erfahrungen sind nachweislich zur körperlichen und sozialen Entwicklung überlebenswichtig. Sie wirken sich nicht nur auf den Pegel des Stresshormons Cortisol aus, sondern dienen auch dem Kontakt und der Bindung zwischen Menschen. Das alles ist ja eigentlich nicht neu. Das wussten schon die Griechen der Antike, das entwickelten viele kluge Leute wie Pestalozzi, Steiner und Montessori als Lernsysteme für Schulen. Aber beachtet wurde es bisher in unserem vor allem linkshirnhälftigen Bildungssystem nicht wirklich. Das sollte sich aber ändern, wollen wir den Herausforderungen unserer Zeit wirklich begegnen: wo in einer komplexer werdenden und reizüberfluteten Welt immer mehr Innovation, Flexibilität und Selbst-Motivation benötigt werden und mit dem Wissen, dass die Kraft aus dem SELBST aus dem adaptiv Unbewussten generiert wird, können wir uns wirklich nicht mehr leisten, uns auf das rein kognitive System zu beschränken. Außerdem wird so auch Motivation erzeugt. Dort, wo Kreativität und positives Feedback Platz haben, werden viel mehr die Chancen als die Probleme gesucht und gefunden.

Viele Schulversager würde es einfach nicht mehr geben und viele bislang unbeachtete Talente auch aus den immer wieder milde belächelten, sogenannten „bildungsfernen Familien“, was ich als überheblich und insbesondere kurzsichtig empfinde, würden endlich hervorgehen können.

Denn, wie sagte bereits Albert Einstein: „Als das eigentlich Wertvolle im menschlichen Getriebe empfinde ich nicht den Staat, sondern das schöpferische und fühlende Individuum, die Persönlichkeit: sie allein schafft das Edle und Sublime.“

Entwicklung ist daher immer ein Weg des schöpferischen und fühlenden Individuums – und nur daraus entstehen Einzigartigkeit, die ein jeder Mensch in sich trägt. In einer Welt jedoch, in der zunehmend der Sinn für Entwicklung verloren geht, wäre es schön, wenn wieder mehr entdecken würden, dass es ganz einfach geht: indem man einfach losgeht und sich auf den Weg macht.


Bildnachweis: © Sabine Hauswirth Germany
Quellen: Alpha ARD Bildungskanal ‚Gehirn & Geist“; Sabine Hauswirth – Glück ist Knäckebrot, Verlag Lichtscheune; Maja Storch, Frank Krause, Selbstmanagement – ressourcenorientiert, Grundlagen und Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Zürcher Ressourcen Modell (ZRM®), Verlag Hans Huber; Sabine Hauswirth – Das Satellite Core Modell, Verlag Lichtscheune (Erscheinungsdatum: 21.9.2017)

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