Männer- & Frauen-Potenziale

Wenn ich all die Jahrzehnte, in denen ich das Leben im Privaten wie im Beruflichen lernen durfte, etwas erkannt habe, dann dass eines meiner Ziele ist, Bewusstsein über die positive Beziehung zwischen Männern und Frauen zu schaffen und zu stärken. Im Sinne eines Power-Feminismus, der jenseits von Opferbewusstsein und Ohnmacht liegt, sondern der geprägt ist von Optimismus und Stärke. Wenn ich mich überhaupt als Feministin bezeichnen würde, dann deshalb, um diesem Begriff den Schrecken zu nehmen, also jenseits von Dogmatismus und Ideologie sich politisch für Emanzipation und für die Rechte der Frauen und damit zugleich für Balance, Toleranz, Frieden und Anti-Diskriminierung in der Gesellschaft einzusetzen. Aber am liebsten bezeichne ich mich als Motivatorin. Dies scheint in meinem Fall geeigneter, wenngleich ich zum Begriff einer Feministin stehe. Ich halte aber auch hier wieder nichts von diesen ganzen Schubladen, die in diesen Begriff hineininterpretiert werden: vom Alpha-Weibchen (am besten noch eine, die dann keinen Mann mehr abkriegt und das nehmen muss, was übrig bleibt und lauter so Schmarrn, aktuell auch wieder groß zelebriert von einem deutschen Kabarettisten), Männer-Hasserinnen, Dominas und was auch immer – ich lese da nicht allzuviel drüber, da wirds einem sonst bloß schlecht bei all dem Nonsense, der da verbreitet wird. Ich bin Radikal-Pragmatikerin und stehe dazu. Wichtig ist, was am Ende herauskommt. Und Deutungen, Fehl-Interpretationen sind schlechte Ergebnisse produzierend.

Und in meinem Falle ganz klar: ich beziehe immer die guten Männer mit ein, im Gegenteil: ich lasse mich gerne auch inspirieren und lerne von ihnen – das sind für meine Begriffe und Erfahrungen die Männer, die eine eigene autonome, selbstbestimmte Sicht- und Lebensweise haben und dadurch Frauen auch eine autonome, selbstbestimmte Sicht- und Lebensweise zugestehen können. Aber Vorbilder bleiben für mich (weibliche) Frauen. In meiner Jugend gab es da nicht sehr viele: Pippi Langstrumpf, Tina Turner, Stevie Nicks, um nur ein paar aufzuzählen. Eine Verschwesterung daher mit all den Frauen, die Männer ausschließen, kommt für mich nicht in Frage. Genausowenig die Verschwesterung mit Frauen, die ihre Stärke auf Opferdenken aufbauen sowie den Frauen, die selbstbestimmte Frauen hassen und am liebsten sich nur mit Männern ver-„brüdern“. Sie haben alle ihre Berechtigung, kommen für mich als Solidaritäts-Partnerinnen aber nicht in Frage. Ich verbünde mich gerne mit Potenzial- und Autonomie-EntwicklerInnen.

In diesem Sinne sehe ich mich mit Naomi Wolf, die Feminismus einfach nur definiert als die Durchsetzung der Bedürfnisse von Frauen in politischer Hinsicht. Dass da noch viel Nachholbedarf besteht, wissen wir. Und dass die vermeintlichen Freiheiten jederzeit in Gefahr geraten können, wieder aufgehoben zu werden, sehen wir, wenn wir über den Teich schauen. Das kann genausogut ganz schnell auch bei uns eintreten, wenn nicht einfach mal ein paar mehr Leute sich endlich einsetzen für das, was wirklich zählt: Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden. Deshalb benötigt es ein Bewusstsein, das Männer und Frauen gleichermaßen stärkt – und zwar stärkt jenseits von Dominanz, sondern in der jeweiligen Potenzial-Entwicklung zur positiven Nutzung.

Ich gehe noch eines weiter: Frauen in der Ausbildung ihrer Weiblichkeit zu stärken, wenn sie nicht oder noch nicht da sein kann. Dazu gehört aber vor allem auch eines – jede Frau so zu akzeptieren, wie sie ist. Jedoch nicht mit jeder Frau einverstanden zu sein in ihrem Handeln oder Denken, insbesondere wenn es darum geht, Herrschaftsansprüche, also wiederum die Dominanz über Etwas oder Jemanden, herzustellen.

Wahre Macht jenseits dieser Macht ist Selbst-Macht, die durch das Ausschöpfen der eigenen Ressourcen entsteht. Dadurch erst entsteht wahre Zufriedenheit und Wohlbefinden. Und wahre Stärke. Einer Stärke, die auch durch die Konfrontation mit den eigenen Wunden, Schwächen und Unzulänglichkeiten erst entstehen kann.

Was für mich eines der wichtigsten Anliegen ist: Bewusstsein zu schaffen, dass Potenzial verschleudert wird und dass insbesondere Frauen ihre Talente nach wie vor hier in Deutschland nicht genügend einsetzen und davon auch finanziell solide leben können. Und dass sie nach wie vor an Grenzen stoßen, die diese an der vollen Entwicklung ihres Potenzials hindern. Ich selbst habe viele Erfahrungen dieser Art gemacht, habe aber niemals mit meinem Schicksal gehadert – sondern einfach weitergemacht, mich weiterentwickelt und mich insbesondere nicht aufhalten lassen. Ich bin Radikal-Pragmatikerin (geworden), und habe stets meinen Optimismus und meine wachsende Kraft genutzt.

Ich halte dieses Verschleudern von Potenzial auch fahrlässig und höchstgefährlich für eine Gesellschaft, sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik. Gleichwohl halte ich den Begriff „Gleichberechtigung“ nicht mehr für zeitgemäß. Wer soll mit wem oder was gleich berechtigt werden? Wenn überhaupt, dann für gleiche Arbeit gleiches Geld. Aber danach beginnt die Diversifizierung, die Einzigartigkeit, die Vielfalt, die Buntheit eines Jeden, einer Jeden – und die ist nicht GLEICH mit Etwas oder Jemandem. Vielfalt, Diversity und Einzigartigkeit sind überhaupt als Potenzial anzuerkennen und entsprechend wertzuschätzen – auch im Sinne von wertschätzender und gerechter Bezahlung – egal, in welcher Position oder Branche sich jemand befindet. Damit beginnt Emanzipation von Männern und Frauen und deren Förderung von Autonomie. Und die Akzeptanz eines „Uniqueness Design“, wie ich das bezeichne – jeder und jede ist einzigartig – und das ich auch im authentischen Marketing gerne anwende. Zu warten, bis es eine „Gender Parity“ gibt, dauert zu lange.

Deshalb braucht es Stiftungen, Geld und Support von Gleichgesinnten, die Talent, Diversifizierung und Buntheit unterstützen. Davon bin ich überzeugt. Und Unternehmen, die erkennen, dass DAS die Chance ist für die eigene Zukunft und für positives und sinnvolles Wachstum.

Indem man Potenzialentwicklung fördert, fördert man Fortschritt, Innovation und Wachstum. Sowohl privat als auch im Unternehmen. Deshalb ist auch eine Innovations-Kultur in Unternehmen so wichtig. Und dazu gehört die Ermunterung zu Potenzial-Entwicklung und zu ressourcenorientiertem Selbst-Management. Wer weiterhin nur darüber spricht, versteckt und verschleudert Talent.

Für mich ist Selbst-Macht das Ziel, also die Ausgestaltung eines starken Selbst, das in Einklang mit sich ist und mit Anderen. Dies geschieht durch einen lebenslangen Veränderungs- und Entwicklungs-Prozess und in gegenseitiger Toleranz. Von Männern und Frauen. Dass es nach wie vor viele Männer, aber auch Frauen, gibt, die diese Anschauung nicht teilen, sehen und erleben wir alle alltäglich. Wir müssen nur über den großen Teich schauen oder sonstwohin – es gibt genügend Anschauungs-Material. Dahinter steckt die Angst vor Autonomie. Aber all diejenigen, die Autonomie und Selbstbestimmung – und damit Entfaltung der eigenen Ressourcen = Potenzial-Entwicklung  mögen, gehören mit ins Boot.

Dann schließt sich auch nicht mehr aus, dass hoffentlich eines Tages genügend weibliche Vorbilder da sind, die Mädchen Vorbild sein können: dass Intelligenz, innere/äußere Schönheit und innerer/äußerer Reichtum nichts Schlechtes, sondern etwas ganz Selbstverständliches und sich nicht gegenseitig Ausschließendes sein müssen. Und dass Führungsposition als etwas Mächtiges, aber nicht Herrschendes, genutzt wird. Und dass es selbstverständlich wird, dass Frauen in ALLEN Positionen eines Unternehmens wertgeschätzt werden. Und Teamplay auf Augenhöhe mit ihren männlichen Kollegen möglich sein wird.

Für mich hat sich niemals die Frage gestellt, Macht über etwas oder jemanden haben zu müssen. Da ich wusste, dass Macht im Herrschaftsanspruchs-Denken etwas ist, das eben gerade Anderen Selbstbestimmung abspricht und gerade Deutschland hier einen großen Lern-Nachholbedarf hat, waren mir die typischen Berufe und Positionen, die diesen Machtanspruch beinhalteten, ein Greuel.

Was mich aber immer anspornte, war die Entwicklung meines eigenen Potenzials. Und die Förderung und Stärkung des Potenziales anderer Menschen im Beruflichen wie im Privaten.

Und Autonomie – oder das, was Arno Gruen so schön in seinem Buch „Der Verrat am Selbst“ beschreibt, was Autonomie für ihn bedeutet: „den Begriff der Autonomie, der nicht Stärke und Überlegenheit meint, sondern die volle Übereinstimmung des Menschen mit seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Wo sie nicht vorliegt, entstehen sowohl Abhängigkeit wie Herrschaftsanspruch.“(Quelle: Amazon)

Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen, Männer wie Frauen, dies nicht tun. Die einen wollen nicht, die anderen lässt man nicht. Dass aber auch immer noch viele Mädchen und Frauen daran gehindert werden, ihren Traum und ihre Talente zu leben, das sollte irgendwann auch einmal der Vergangenheit angehören. Im aktuellen VOICE KIDS-Contest im Sat1-Fernsehen war für mich wieder einmal ein beeindruckendes Erlebnis: ein 8-jähriges Mädchen sang selbstbewusst ihren Song und im Interview zuvor bekannte sie mit leidenschaftlicher Stimme, dass sie einmal „die Welt rocken“ und dann eines Tages auch Astronautin werden wolle. Dass die Lebens-Realität vieler Mädchen und Frauen oft noch anders ausschaut, viele Mädchen-Träume noch scheitern an den Rahmenbedingungen, aber auch mangels guter Vorbilder nicht gelebt werden, das kann und sollte sich ändern. Die Vorbilder sind heute oft noch Lifestyle-Magazine und TV-Serien mit Geiß, Katze und Co., woraus sich weder ein ordentliches Selbst-Bild noch sonst was Gescheites entwickeln kann. Das sollte sich einfach ändern.

Am kommenden Mittwoch bin ich zu einer  beeindruckenden Veranstaltung eingeladen: in der ISS Raumstation in der Mock-up-Halle von Airbus Bremen soll das Projekt „Die Astronautin“ starten, mit dem bis 2020 die erste deutsche Frau auf eine zehntägige wissenschaftliche Mission zur Internationalen Raumstation (ISS) entsendet werden soll. Ich bin gespannt und werde hier in einem Blog-Beitrag darüber berichten.


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