Strategische Resilienz

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Je mehr wir den Alltag als beschwert, stressig oder gar bedrohlich empfinden (angesichts der politischen Situation empfinden das viele so), umso mehr benötigen wir eine Möglichkeit, mit diesen Stress-Faktoren umzugehen. Ich denke, dass wir immer mehr auch in Unternehmen die Möglichkeiten benötigen, die Resilienztraining ermöglicht. Ich sehe allerdings keine Möglichkeit, schon allein aus neuro-biologischer Hinsicht (also aus der Gehirnforschung kommend) hier lediglich mit Ab-und-Zu-Veranstaltungen für Mitarbeiter zu arbeiten. Unser Gehirn entschleunigt und bildet neue Neuronen (Gehirnzellen), auch Neurogenese genannt, nur durch Intensität, das heißt regelmäßige Betätigung. Ein Beispiel: Sport oder handwerkliches Arbeiten führen unter anderem dazu, dass sich neue Gehirnzellen bilden. Was wiederum anerkannt dazu führt, dass eine höhere Leistungsfähigkeit, Lernfähigkeit, Konzentrationsfähigkeit, aber auch Stress-Abbau entstehen. Das aber wiederum nur, wenn eine regelmäßige Betätigung erfolgt. Diese Anpassungsfähigkeit unseres Gehirns, die sogenannte Neuro- oder Hirnplastizität,  ist also eine Folge von Betätigung, von Lernen, von unterschiedlichen Faktoren abhängig. Der Mensch benötigt also das Lernen und das Tun, aber auch die Pausen, weil diese und andere Faktoren auf unsere Neuro-Plastizität sich auswirken. Denn: der Mensch verfügt über „relativ wenige angeborene Verhaltensmuster und ist schon deshalb wie kein anderes Tier zum Lernen verdammt,“ was dann die Schlussfolgerung hat, dass die „Hirnplastizität eine esenziell, wenn nicht sogar die wichtigste Voraussetzung für unser Überleben“ ist. (Gehirn & Geist 4/2017). Und im übrigen genau diese Hirnplastizität ist es, die uns einzigartig sein lässt – weil kein Hirn dem anderen gleicht.

Konkret bedeutet das, dass Angebote rund um betriebliches Gesundheitsmanagement keinen Sinn machen, wenn diese nur ab und zu stattfinden. Oder aber sie finden regelmäßig statt, sie werden aber nur sporadisch genutzt.

Mein Ansatz ist daher, alles was mit der Neurogenese zu tun hat und der Förderung von Gesundheit, Stressabbau, psychischer Widerstandskraft – im eigentlichen Sinne auch Resilienz genannt – dient, alltagstauglich in Unternehmen zu integrieren. Ich würde hier also Stationen in jede einzelne Abteilung integrieren, wo Platz ist für Kreativität (das kann auch Musik-Hören sein, ach, es gibt so viele Möglichkeiten) oder für Bewegung. All das versteht unser Gehirn unter „Lernen“. Sodass also in kleineren Pausen zwischendurch die Möglichkeit besteht, immer wieder einmal eine ANDERE Tätigkeit zur eigentlichen Berufs-Tätigkeit auszuüben. Dass dies möglich ist, zeigen Groß-Unternehmen wie Facebook, Google und Co., die genau wissen, wie Einfallsreichtum, Resilienz und Innovations-Denken in Zusammenhang stehen. Resiliente Menschen sind sehr viel widerstandsfähiger als Menschen, die ihre Resilienz nicht trainieren. Denn: Resilienz ist kein Gen oder Vererbung – sie wird erworben.

Da fahren Mitarbeiter durchaus auch Fahrrad auf dem Dach des Unternehmens. Auch Fahrrad-Fahren ist bekanntermaßen ja Bewegung, lüftet das Hirn und bringt neuen Schwung in den (Berufs-)Alltag.

Auch das oft falsch verstandene Wort „Flow“, also die selbstversunkene Vertiefung in die (gern gemochte) Beschäftigung, ist ein Schlüssel für mehr Wohlbefinden und Zufriedenheit. Dies alles sind zugleich Möglichkeiten, den Schrecke im Außen weniger Aufmerksamkeit zu schenken und sich weniger Sorgen zu machen. Flow steigert im übrigen Forschungen zufolge, anders als bei Stress, die Leistungsfähigkeit – auch hier gilt wieder: nur unter leichter körperlicher Aktivierung, der passenden Aufgabe und mit regelmäßigen Pausen versehen. Die Zukunft der Arbeit wird also definitiv einem Paradigmen-Wechsel gleichkommen müssen, wollen wir gesunde Mitarbeiter und Führungskräfte haben.


Diese Vielfalt und Unterschiedlichkeit im Arbeiten bringt erwiesenermaßen die Vernetzung der Vielfalt im Gehirn: immer dann, wenn regelmäßig unterschiedliche -nacheinander, nicht im Multitasking-Format! – Betätigungen erfolgen, werden unterschiedliche Gehirn-Areale angesprochen und miteinander verknüpft. Diese Verknüpfungen, aus der Vielfalt entstanden, sind Voraussetzung für Flexibilität, Innovations-Denken und Einfallsreichtum. Aber auch resilienz-fördernd.

So, wie ich das sehe, kommen Unternehmen angesichts zunehmender Sorgen und Ängste von Menschen nicht mehr darum herum, neue Wege zu gehen, um alltagstauglich ihre Mitarbeiter zu stärken. Die Sorge, dass da Arbeitszeit drauf geht, halte ich für kurzsichtig: denn was bringen Mitarbeiter, die wegen Burn-Out, pschychischer Erkrankungen oder sonstiger gesundheitlicher Belastungen ausfallen, einem Unternehmen? Sicherlich weniger ROI (Return-On-Invest), um es einmal betriebswirtschaftlich auszudrücken, als wenn man bereits präventiv und fürsorglich dafür sorgt, dass es womöglich gar nicht soweit kommen muss.

Und noch eines: die Neurogenese anzukurbeln, kann Ängste überwinden helfen und dient sogar als Panikbremse. Ein sehr interessanter Artikel zu diesem Thema empfehle ich aus der Fachzeitung „Gehirn & Geist 10/2015, S. 48 ff.“ Neurogenese wird also auch ein Thema, was die Bewältigung von zunehmenden Ängsten bei Menschen betrifft.

Auch mit zunehmenden Change-Prozessen in Unternehmen werden wir um dieses Wissen nicht umhin können. Und um die Vorstellung, es mit einzelnen Maßnahmen hinzukriegen, die Mitarbeiter für Change zu motivieren. Ohne strategisch eingerichtete Maßnahmen, die auch den Change und die Flexibilität im Kopf fördern, werden Change-Prozesse eher schwierig gestaltbar. Es benötigt daher Orte, Maßnahmen und Ideen, die die Menschen motiviert, den Change mitzumachen. Strategische Resilienz wäre ein Anfang.


© Bildnachweis: Sabine Hauswirth Germany, Twitterfeeds by Twitter

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